König Otto der Große

König Otto I. der Große und seine Politik mit der Reichskirche

von Björn Böhling

4.1. Die Ausstattung mit Reichsgütern und Hoheitsrechten durch Otto I. und das Servitium regis von Bistümern und Abteien (II)

Die Ausstattungen mit Gütern und Rechten müssen hier nicht noch einmal aufgezählt werden.[86] Erst einmal soll das Interesse darauf liegen, wie damit umgegangen wurde und welche Konsequenzen sich für Geber wie für Empfänger ergaben.

Äbte und Bischöfe führten zwar beträchtliche Dienste für ihren König aus, erwarteten dafür aber auch entsprechende Belohnungen. Diese Belohnungen änderten sich mit der Zeit. Es wurde zwar immer noch Land vergeben, doch die Vergabe von Rechten wurde dominierend.[87] Beachtet werden muss die Tatsache, dass der Herrscher königliche Rechte sowieso nicht im ganzen Reich selbst ausüben konnte. Die anscheinend großzügigen Vergaben von Privilegien könnten also auch einen praktischen Grund haben, zumal sie auch nicht immer kostenlos übertragen wurden. Und inwieweit der König Rechte freiwillig vergab, müsste auch erst noch untersucht werden, denn Reuter schreibt zu den königlichen Urkunden, in denen die Initiative bei solchen Geschäften immer vom König ausging:

„Collections of royal diplomata are often read as being the surviving records of governmental action and policy; they are also, and much more, the surviving records of occasions when rulers – pestered, cajoled and bribed – made concessions to their clerical followers.”[88]

Die Kirchenfürsten versuchten ebenso Reichtum und Prestige zu erhalten, wie es ihre weltlichen Kollegen taten. Es war also durchaus im eigenen Sinne, wenn ein Bischof oder Abt versuchte, vom König Rechte und Privilegien zu bekommen, die ihn unabhängig oder sogar immun gegen seine weltlichen Nachbarn oder seinen weltlichen Herrn machten. Diese Forderungen hatten sogar die Vergabe von ganzen Grafschaften an Bischöfe zur Folge.[89] Reuter beschreibt dies ausdrücklich mit: „it seems to have been the bishops who demanded them.“ und „We know from other sources that bishops sought after counties”.[90]

Auch wenn die Initiativen bei Schenkungen von der Kirche selbst ausgingen, bedeutete dies nicht, dass die Wünsche auch prompt erfüllt wurden. Lange Wartezeiten, in denen erst der adlige Besitzer versterben musste, waren die Regel, und nicht jedem Wunsch folgte auch die Erfüllung. Viele Bistümer, auch einige der reichsten und wichtigsten, wurden aus den unterschiedlichsten Gründen übergangen. Bei den vom König bevorzugten Bistümern in den Alpen liegt die Wahrscheinlichkeit nahe, dass Geschenke eine Möglichkeit waren, um sich den Weg über die Alpenpässe nach Italien freizuhalten.[91]

Wenn man nach der Gegengewichtsthese davon ausgeht, dass die Vergabe von Grafschaften an Bischöfe zu deren Stärkung und zur Schaffung eines Gegengewichtes zum weltlichen Adel führen sollte, dann müsste dies anhand der Vergaben nachzuvollziehen sein. Aber weder in Bayern oder Schwaben, den Stammesherzogtümern, die einer zentralen, monarchischen Herrschaft schon immer Widerstand geleistet hatten, gab es vor 1050 Anzeichen für größere Landverteilung an die Bistümer.[92] Seltsamerweise waren auch in anderen Reichsteilen die als sicher königstreu geltenden Bistümer nicht immer sehr gut ausgestattet. Das Erzbistum Köln z.B. verfügte nur über eine Grafschaft, obwohl es seit Erzbischof Brun zu den führenden Verfechtern des Königs zählte. Natürlich muss hier auch erwähnt werden, aber das macht die Bewertung so schwierig, dass es auf der anderen Seite Bistümer gab, die sehr gut mit weltlichem Besitz ausgestattet wurden und bei denen man sehr wohl von einer königlichen Unterstützung reden könnte,[93] aber es bleibt trotzdem die fehlende Homogenität zu konstatieren. Möglicherweise liegen starke Gründe darin, dass in den Gegenden, in denen sich die Kirche nicht durchsetzen konnte, mächtige und einflussreiche Adlige amtierten, die sich gegen die Enteignungen ihres Familienbesitzes durch den König erfolgreich wehrten.[94]

Engels sieht in der spärlichen Verleihung von Hoheitsrechten an Bischofskirchen durch die ersten Ottonen, die vor allem in den westlichen Gebieten geschahen und die sich erst langsam in Richtung Osten verbreiteten nur eine wandernde, verfassungshistorische Entwicklung, nach Vorbildern im westfränkisch-französischen Reich, die sich auch ohne die deutschen Monarchen ereignet hätte.[95] Schieffer führt diese Überlegungen fort, spricht aber von einer „wachsenden Planmäßigkeit“[96] in der ottonischen Politik gegenüber der Kirche und verneint somit zumindest eine abgeschlossenes Konzept schon bei Otto I. Allerdings sieht er eine Steigerung bei den folgenden Ottonen und Saliern, denen er somit das Konzept zumindest nicht verweigert.[97]

Es darf aber nicht der Eindruck entstehen, dass, wenn dem so wäre, die Geistlichen in ihren Ämtern frei und ungebunden gewesen seien. Natürlich mussten sie Dienste für den König verrichten. Auch wenn der Einfluss der kirchlichen Armeekontingente vielleicht übertrieben dargestellt wurde, so war der König doch auf sie angewiesen.[98] Da die ottonischen und später die salischen Herrscher keine festen Regierungssitze hatten,[99] mussten sie auf Reisen beherbergt werden. Die bischöflichen Paläste und Klöster wurden deswegen mit dem König geteilt, wenn er durch die Diözese kam. So war eine wichtige Aufgabe, Quartiere vorzuhalten und den königlichen Hof, gleich wo er sich gerade befand, mit Lebensmitteln zu versorgen. Außerdem konnte der König teilweise auch finanziell von den Bistümern profitieren.

Aber waren die Bistümer wirklich immer auf den Nutzen des Königs ausgelegt? Nur die fränkischen Bistümer wurden regelmäßig zum Kriegsdienst herangezogen, an der Ost- und Westgrenze des Reiches (Sachsen und Lothringen) waren sie für die Grenzsicherung äußerst wichtig, aber ob Hamburg-Bremen überhaupt ein Heer besaß, ist nicht sicher. Da der König außer in dringenden Fällen bei seinen Reisen auf ein vorhandenes Hauptwegenetz zurückgriff, wurden nur die Bistümer stark besucht, die an diesen Wegen lagen. Deswegen war der König äußerst selten in Hildesheim, Bremen oder Trier, was aber nicht bedeutete, dass diese Bistümer von vornherein benachteiligt wurden.

Nach der Betrachtung einer anderen Perspektive zum Servitium regis geht es nun um die hohen Geistlichen selber und wir rufen uns in Erinnerung, dass auch noch die Frage aussteht, ob sich die Reichsbischöfe nach der normativen Vorgabe in der Vita Brunonis verhielten.

[86] Siehe dazu Kapitel 3.3.1.

[87] Gründe dafür mögen sowohl die geringer werdenden territorialen Ressourcen sein, da ja schon große Gebiete vergeben worden waren, als auch die Besinnung auf die Tatsache, dass die Macht eines Herrschers auch von seinem persönlichen Reichtum abhängig war. Die Vergabe von Rechten war schmerzloser, und obwohl die Vergabe von Land nur als Lehen geschehen konnte, hatte die Vergangenheit gezeigt, dass der König über einmal vergebenes Land nie wieder frei verfügen konnte.

[88] Reuter 1982, S. 360.

[89] Die Praxis sah allerdings so aus, dass der Bischof zwar die Obergewalt und Rechte über eine Region erhielt, die Verwaltung aber meist in adligem Besitz blieb. Es wechselte also lediglich der Lehnsherr.

[90] Reuter gibt als Beispiele die Bistümer Paderborn, Worms und Bremen an. Siehe Reuter 1982, S. 361.

[91] Trotz dieser wichtigen Aufgaben, waren diese Bistümer dem König nicht direkt unterstellt, sondern waren wie andere weitgehend eigenständig.

[92] Ausnahmen sind nur Brixen, Freising und Chur.

[93] Z.B. in Franken die Bistümer Mainz, Worms und Würzburg, sowie Bischofssitze in Lothringen.

[94] Oder aber der König vertrat doch keine Reichskirchenpolitik, aber das soll ja erst am Ende beurteilt werden.

[95] Vgl. Engels 1986, S. 42. Da auf die Verhältnisse innerhalb der anderen europäischen „Reichskirchen“ nicht eingegangen werden kann, bliebt dies hier unkommentiert, bietet aber den Ansatz zu weitergehenden Untersuchungen, die sich auch nach Italien ausweiten müssten, denn laut Engels verzichtete der spätere Kaiser Otto I. darauf, dort eigene Leute in der Kirche zu installieren. Dies ist für Engels der Beweis, dass dies für Otto I. auch in Deutschland nicht primäres Ziel war.

[96] Schieffer 1989, S. 293.

[97] Sehr schwierig ist aber, die Frage zu beantworten, ob Otto I. einen bewussten Prozess in Gang setzte, den er von seinen Nachfolgern vollenden lassen wollte. Bei den aktuellen Schwierigkeiten des Monarchen ist dies m.E. sehr unglaubwürdig. Dieser Prozess ist wohl somit eher das Produkt retrospektiver Geschichtsdeutung. Jedenfalls lässt die dargestellte Argumentation Schieffers nur diesen Schluss zu.

[98] Vor allem bei der Verteidigung der Westgrenze.

[99] Sondern nur beliebte Residenzen wie z.B. Aachen oder Merseburg.
Thailand Webkataloge