König Otto der Große

König Otto I. der Große und seine Politik mit der Reichskirche

von Björn Böhling

4.2. Bischöfe, Bischofswahlen und die Hofkapelle (II)

Bei der Betrachtung der Bischofswahlen müssen zunächst die Bistümer, die schon vor den Ottonen existierten, von den Neugründungen unterschieden werden. Die alten Bistümer besaßen das Recht der freien Wahl. Das bedeutete, dass zumindest im Prinzip kein nicht gewollter Geistlicher Bischof werden konnte. Allerdings war dieses Recht oft von der Art der Auslegung abhängig.

„Increasingly, however, the Ottonians and Salians came to regard such a right as implying merely the right to propose a candidate … [and] the king often refused to accept such a proposel and instead insisted a candidate of his own.”[100]



Es scheint, dass die Herrscher mit der Zeit ihren Einfluss auf die Ernennungen von Bischöfen ohne Schwierigkeiten ausdehnten. Dem war jedoch nicht so. Wenn der König die regionalen Kapitel überging und einen Fremden einzusetzen versuchte, musste er mit starkem Widerstand rechnen. Um dem Kandidaten überhaupt einen Handlungsrahmen zu ermöglichen, musste darauf geachtet werden, dass der zukünftige Bischof in der Region geachtet und unterstützt wurde. So wurde selten versucht, einen Fremden zu berufen, da der König im schlimmsten Fall ihm zu Hilfe kommen musste und nicht anders herum. Dies war deswegen immer mit einem Risiko versehen.

Wenn ein Kapitel genügend Einfluss am Hof hatte, konnte es dann sogar noch ein Wort mitreden, wenn der König andere Vorstellungen hatte. Die richtige Person in der Nähe des Königs oder aber die Empfehlung eines Bischofs konnte die Karriere in der Reichskirche stark vorantreiben. Waren Bischöfe erst eingesetzt, konnten sie in ihrem Bistum weitgehend nach eigenem Belieben handeln, ohne vom König daran gehindert zu werden. Erzbischof Brun von Köln z.B. versorgte seine Verwandtschaft und kirchliche Anhänger mit Ämtern und schuf sich so seinen eigenen Apparat, der ihm treu ergeben war. Allerdings waren Bischöfe nicht völlig unabhängig in ihren Entscheidungen. Hinter ihnen stand das mächtige Kapitel, das sie immer wieder an ihre Aufgaben erinnerte, und „When the needs of their see clashed with the demands of the king it was often the latter who had to give way.“[101]

Wenn man davon ausgeht, dass die Kirche und ihre Vertreter nur Instrumente des Königs waren, dann hätte der Monarch seine geistlichen Beamten jederzeit austauschen können müssen, wenn sie nicht seinen Wünschen entsprechend handelten. Dies war jedoch unmöglich.[102] Wenn ein Bischof die Weihe hinter sich hatte, konnte der König gegen seine Stellung nichts mehr ausrichten und ihn nicht aus dem Amt entfernen. „Irremovability is confirmed by the survival in office of those bishops, who were quite numerous, who flirted with or joined rebellions.”[103] Wie bei der weltlichen Aristokratie musste sich der König auf die Verleihung oder Entfernung königlicher Gunst beschränken. Allerdings konnten Bischöfe in besonderen Fällen für eine kurze Zeit ins Exil geschickt werden und mussten große Summen aufbringen, um sich die Gunst des Königs zurückzukaufen. Mit untreuen Äbten konnte dagegen einfacher verfahren werden. Eine Absetzung oder Versetzung war möglich und dies war der entscheidende Unterschied selbst zwischen den reichsten Klöstern und Bistümern. Doch selbst trotz dieses Mqachtmittels mussten erzwungene Übergaben eines Klosters an ein Bistum nicht konfliktfrei verlaufen.

Bedacht werden muss aber die Tatsache, dass die hohen Kleriker ihre Ämter und Besitzungen, im Gegensatz zum weltlichen Adel, nicht an ihre Nachkommen vererben konnten. Das spricht auch nicht unbedingt für die Gegengewichtsthese, denn durch diese Regelung waren sie dem Adel stets unterlegen.[104]

Der königliche Einfluss auf die Bischofswahl bleibt schwierig zu bewerten, da aus den Quellen ersichtlich ist, dass bei Wahlen fast immer der Hof involviert war. Das muss aber nicht zwangsläufig bedeuten, dass dies generell so war. Es drängt sich der Verdacht auf, dass keine anderen Quellen existieren, weil der Hof in anderen Fällen eben nicht involviert war und in Folge dessen auch keine Dokumente erstellt wurden.

In Ostfalen und im Rhein-Main-Gebiet war der königliche Einfluss auf die Wahlen am stärksten. Dies könnte dadurch erklärt werden, dass der König dort sehr oft präsent war und deswegen auch den nötigen Druck permanent ausüben konnte.

Aufgrund der verwandtschaftlichen Verhältnisse zwischen König und Bischöfen wurde im Nachhinein geschlossen, dass dies das Resultat absichtlichen Handelns war. Wenn man sich allerdings vergegenwärtigt, dass Ämter im Mittelalter, seien es nun weltliche oder geistliche, in den meisten Fällen im Besitz des Hochadels waren, der untereinander familiär verbunden war, dann könnte es damals schwierig gewesen sein, jemanden für ein Amt zu gewinnen, der nicht mit dem Herrscherhaus verschwistert oder verschwägert war.

Schieffer macht, was die Familien anbetrifft, noch auf etwas anderes, sehr Wichtiges, aufmerksam. Nach alten Lesarten wird einfach von einem gegebenen Antagonismus zwischen Episkopat und Adel ausgegangen, der sich logisch nicht nachvollziehen lässt, denn die Bischöfe entstammten natürlich ebenfalls den höchsten Kreisen.[105] Warum sollten sie sich nach ihrer Einsetzung plötzlich gegen ihre Familien stellen? Auch andersherum muss die Frage gestellt werden: Warum sollten sich die adligen Familien gegen ihre Verwandten stellen, sobald diese den Bischofsstuhl erklommen hatten?[106]

Die Reichskirche bot dem König aber noch eine weitere Möglichkeit, die vor dem Hintergrund des eben Gesagten eine logische Alternative bietet. Die Möglichkeit der Einflussnahme auf Bischofswahlen war nicht nur ein Mittel, um zu versuchen, einem Getreuen zu einem wichtigen Amt zu verhelfen. Bistümer wurden ebenfalls vergeben, um unzufriedene Adlige zurückzugewinnen, deren Loyalität in Frage gestellt werden musste. Es ging um die Beziehungen zu den hohen Familien des Reiches, und indem der König jemandem zu einem Bischofsamt verhalf, konnte er nicht nur ihn, sondern auch seinen Bittsteller, den es gewöhnlich gab und der auch in irgendeiner Weise von dem Erfolg seines Schützlings profitierte, zufrieden stellen. Zusätzlich wurde durch die Verleihung der Bischofswürde der adlige Besitz stark erweitert, was sich günstig auf die Rivalitäten innerhalb der Adelsfamilie auswirkte und für Ruhe sorgte. Das Resultat war ein besänftigter Adel, sowohl in seinem Verhalten gegenüber dem Monarchen, als auch innerhalb seines Standes.

Es gibt genügend Beispiele dafür, dass auch die Kirche, wie der weltliche Adel, seinen obersten Herrn nicht immer treu ergeben war. Der König musste sich z.B. damit abfinden, dass er mehrere Jahre auf den Tod des Erzbischofs von Mainz und des Bischofs von Halberstadt warten musste, bevor er das Erzbistum Magdeburg etablieren konnte, dem sich die Genannten immer in den Weg gestellt hatten.[107]

Bei dem Stichwort Hofkapelle sind sich die Mediävisten einig, dass sie für die Karriere in der Reichskirche wichtig war. Schieffer bezeichnet sie sogar „als `Pflanzstätte` künftiger Bischöfe“,[108] denn Bischöfe waren in der Regel Mitglieder dieser Kapelle oder durch Heirat oder Blut mit dem Königshaus verbundene Adlige gewesen. Ein Kaplan (capellanus) war zugleich kirchlicher Vasall des Königs und arbeitete in der zentralen Machtstelle des Reiches. Dabei war die Hofkappelle kein homogener Körper. Ein Kaplan verfasste als niedere Tätigkeit Briefe und Urkunden oder war quasi als höchster Amtsinhaber Stellvertreter des Königs. Die Spannbreite reichte also von einem unbedeutenden Notar bis zu einem hochgestellten Aristokraten mit möglicherweise eigenem Kirchenvermögen.

Die Chance als Kaplan irgendwann Bischof oder Abt zu werden, war gewiss größer als bei anderen Bewerbern, aber eine Garantie war dies nicht. Während z.B. die Ämter in Köln und Augsburg im 10. Jahrhundert ständig durch die Hofkapelle besetzt wurden, gingen während der Regentschaft Ottos III. 1/3 der Bistümer an Außenstehende, und unter Heinrich III. war es sogar schon die Hälfte. Reuter spricht auch davon, dass die Ernennungen von Kaplänen nicht regelmäßig über die vierzig Bischofsstühle verbreitet gewesen seien. Nachweisbar ist heute, dass sie nie in der Mehrzahl waren.[109]

Noch ein wichtiger Punkt muss bei der Betrachtung der Hofkapelle beachtet werden. Als wahre Ausbildungsstätte bedingungslos gehorsamer Helfer, hätte sie eine Selektion der Anwärter durchführen müssen, um wirklich die geeignetsten Kandidaten auszuwählen. Aufgenommen wurden aber nur diejenigen Kleriker, die aufgrund ihrer edlen Herkunft sowieso für ein höheres Amt in Frage gekommen wären. In diesem Zusammenhang schreibt Schieffer:

„Die gleichsam angeborenen Führungsansprüche des Hochadels auch in der Kirche sind durch die Einschaltung der Hofkapelle in den Werdegang vieler Bischöfe nicht überwunden worden, sondern es wurde allenfalls der Weg zu ihrer Durchsetzung formalisiert, indem die Anwärter eine Phase der Bewährung, aber auch des weiteren Prestigegewinns am Königshof zu durchlaufen hatten.“[110]



Reuter kommt zu folgenden Ergebnissen: Der Einfluss ottonischer Könige auf Bischofs- oder Abtwahlen sei gewiss beträchtlich gewesen, doch das Ziel sei nicht die Bekleidung wichtiger Ämter mit den richtigen Personen gewesen, sondern die Belohnung und Bestrafung des machthungrigen und eigensinnigen Adels und die Verhinderung seiner Verselbständigung. Das Recht dazu gebe dem König die Oberhoheit über die deutsche Kirche. Bischöfe und Äbte seien am Ende mehr durch den König vor weltlichen Rivalen geschützt worden, als sie für ihn zu tun im Stande gewesen seien. Außerdem sei der königlichen Einfluss auf die Kirche in seiner Qualität von Region zu Region unterschiedlich und keinesfalls homogen über das Reichsgebiet verteilt gewesen, wie bisher die historische Forschung unterstellt habe.

Schieffer meint auch, dass die Reichskirche nicht als Gegengewicht zur weltlichen Aristokratie angesehen werden kann, denn der kirchliche

„Aufstieg [des Adels] löste ... einen Teil des Mitspracherechts der führenden Familien ein, denen sie sich auch im geistlichen Gewande weiter zugehörig fühlten. Der Aristokratie diese Entfaltungsmöglichkeit nehmen und statt dessen eine völlig andere rekrutierte kirchliche Elite vom Hof her durchsetzen zu wollen, wäre für Otto I. ein lebensgefährlicher politischer Fehler gewesen, den wir ihm nicht zuzutrauen brauchen.“[111]



Auch andere Historiker, wie z.B. Weitlauff, distanzieren sich von einer absoluten Gegengewichtsthese. Er schreibt, es sei

„verfehlt, in der durch ottonische, dann durch salische Königsherrschaft konstituierten Reichskirche nichts anderes zu sehen als ein königliches Machtinstrument oder gar Mißbrauch des kirchlichen Auftrags“ [112]



und begründet dies mit dem immer weiter verfolgten Engagement des Königs für die Integration des Stammesregionen im Reich. Trotzdem, und dies unterscheidet ihn von den bisherigen Kritikern, geht er davon aus, dass

„Die mit königstreuen Männern besetzten Bischofsstühle. ... somit ein das ganze Reich abdeckendes Netz von Stützpunkten königlicher Gewalt [bildete], das von Otto I. nach Osten und Norden systematisch ausgebaut wurde durch Gründung neuer Bischofssitze“.[113]



Wie sich zeigt, wird bei dieser Feststellung der Reichskirche eine stärker an den König gebundene Rolle zugewiesen. Vielleicht könnte man dies als Kompromisslösung sehen zwischen der Reichskirche als Machtmittel oder als größtenteils unabhängige Institution. Allerdings drückt sich Weitlauff hier um den Kern des Problems, denn wenn es dieses Netzwerk königlicher Stützpunkte gab, dann muss es ja irgendwie, und wohl kaum zufällig, entstanden sein, und warum sollte der König es dann nicht auch als Machtmittel nutzen? Eine genauere Argumentation scheint hier nötig.

Auch wenn dem Klerus vielleicht nicht die Rolle zu kam, in der Historiker ihn nachträglich gesehen haben, so war er unverzichtbarer Teil des Reiches und damit auch für den König. Für ihn war von Bedeutung, dass die Reichsbischöfe daran gewöhnt waren, sich auf Synoden zu versammeln und zu einer gemeinsamen Handlungsstrategie zu gelangen. Etwas Vergleichbares war dem weltlichen Adel durchweg fremd. Da das Königtum die legitimierte Basis für Einberufung und Durchführung von Synoden war, bestand somit schon eine erhöhte Bindung zwischen Königtum und Klerus.

Unersetzbar „war der Episkopat bei der ideellen Fundierung des Königtums von Gottes Gnaden“.[114] Symbolprächtige Salbungen und Krönungen zu Beginn jeder Regentschaft durch Erzbischöfe, Festkrönungen, der zeremonielle Aufwand des Herrschergottesdienstes an den Höhepunkten des Kirchenjahres veranschaulichten das Zusammenspiel von Monarch und Klerus, wodurch der König unangefochten aus der Masse der Laien hervorstach.

[100] Reuter 1982, S. 350.

[101] Reuter 1982, S. 357.

[102] Vgl. Schieffer 1989, S. 299.

[103] Reuter 1982, S. 375.

[104] Dieser Punkt bleibt allerdings umstritten, da genauso argumentiert werden könnte, dass der König sich neben den Schwierigkeiten, die er mit dem weltlichen Adel hatte, nicht auch noch die gleichen mit dem geistlichen schaffen wollte. Doch die Schwäche des Klerus muss natürlich ebenfalls beachtet werden.

[105] Vgl. Schieffer 1989, S. 295.

[106] Schieffer gibt dazu noch an, dass viele Bischöfe ihre weltlichen Standesgenossen an der Verwaltung und Nutzung des Kirchengutes, z.B. in Form von Vogteien, beteiligten, um sich gegen sie abzusichern, und dabei sogar die Entfremdung in Kauf nahmen (vgl. Schieffer 1989, S. 299.) Wir dürfen also bei der Betrachtung der Verhältnisse zwischen König, Adel und Klerus nicht so weit gehen und annehmen, es hätten nur Kontakte über den König stattgefunden. Offensichtlich gab es keine Spaltung in ein weltliches und ein geistliches Lager, wobei der König als Vermittler dienen musste.

[107] Schon vor der Schlacht auf dem Lechfeld hatte Otto I. mit den Ostgebieten eigene Pläne und kam damit anderen Bischöfen in die Quere, die sein Vorhaben zwar nicht endgültig aber immerhin für 5 Jahre blockieren konnten. Otto wollte Magdeburg zum Erzbistum über die neuen Ostbistümer ausbauen und hatte auch schon die Zustimmung von Papst Agapit aus Rom. Allerdings sperrten sich sowohl der Bischof von Mainz, Ottos eigener vorehelicher Sohn Willhelm, als auch der Bischof von Halberstadt dagegen, da sie eine Beeinträchtigung ihrer Kirchen sahen. Für weitere Beispiele für eigenständiges Handeln von Bischöfen siehe Engels 1986, S. 70ff.

[108] Schieffer 1989, S. 292.

[109] Vgl. Schieffer 1989, S. 296.

[110] Schieffer 1989, S. 295.

[111] Schieffer 1989, S. 295.

[112] Weitlauff 1993, S. 44.

[113] Weitlauff 1993, S. 44.

[114] Schieffer 1989, S. 300.
Thailand Webkataloge