König Otto der Große

König Otto I. der Große und seine Politik mit der Reichskirche

von Björn Böhling

5. Abschließende Beurteilung

Zum Abschluss wird versucht, die Hauptfrage, die auch den Untertitel dieser Hausarbeit darstellt, zu beantworten. Was bedeutete also Ottos Politik gegenüber der Reichskirche? Welcher Intention folgte sie und welchen Bedingungen musste sie sich unterwerfen?

M.E. zeigte sich im Verlauf dieser Arbeit schon recht bald, dass sich die Gegengewichtsthese, die besagt, Otto I. habe sich die Reichskirche durch königstreue Geistliche zu eigen gemacht, um ein Gegengewicht zum weltlichen Adel zu schaffen, das ihm bedingungslos ergeben war, nicht mehr halten lässt. Dagegen sprechen zu viele, belegte Argumente. Die wichtigsten sollen hier noch einmal skizziert werden.

Auch ohne tiefen, historischen Sachverstand ist logisch nachzuvollziehen, dass eindeutig gegen die These spricht, dass Otto, wenn wir ihm die Absicht unterstellen, sein Vorhaben nicht genügend verwirklicht hatte. Wenn die Hofkapelle als Pflanzstätte des deutschen Episkopats dienen sollte, dann hätte sich Otto nicht auf die wenigen Bistümer beschränken dürfen. Wie sich herausstellte, waren aber höchstens die Hälfte der Bistümer in den Händen ehemaliger Kapläne. Ob mit dieser kleinen Besetzung ein deutliches Gegengewicht herrschte, ist doch sehr zu bezweifeln. Wenn das Gegengewicht das primäre und einzige Ziel Ottos gewesen wäre, dann muss die Frage gestellt werden, warum die Bistumsbesetzung nicht forciert wurde. Ein plausibler Grund dafür ist die Möglichkeit, dass es noch weitere Faktoren, Absichten und Bedingungen gab, die berücksichtigt werden müssen.

So ein weiterer Faktor war der Adel selbst, diese Führungsschicht des Reiches, die sich nicht nur durch Machtgier und Habsucht auszeichnete, sondern die auch, nach den damaligen gesellschaftlichen Verhältnissen, ein „natürliches“ Anrecht auf die höchsten Ämter hatte und diese auch beanspruchte. Aus welchem Grund sollte der König eine Gegengewicht zu diesem Adel aufbauen, damit die Gesellschaft des Reiches in verschiedene Lager teilen und diesen Zustand zementieren? Der Klerus als Gegengewicht hätte also bedeutet, dass sich in jedem Reichsteil ein weltlicher und ein geistlicher Adliger gegenübergestanden hätten, wodurch zwar ein status quo aber gewiss kein innerer Frieden entstanden wäre.

Dieses erdachte Szenario birgt allerdings einen logischen Fehler in sich. Wie schon im Text beschrieben, wird hier von einem Antagonismus zwischen Adel und Klerus ausgegangen, der nicht existierte, denn Reichsbischöfe wurden ja nicht Laien der niederen Schichten, deren Auswahl zwar unmöglich, aber nur so ein wahres Gegengewicht gebildet hätte, sondern wieder Adlige, die in dieser Position ihrem Führungsanspruch entsprechend eingesetzt wurden. Zu glauben, ein frisch geweihter Bischof, auch nach dem er die Hofkapelle durchlaufen hatte, würde sofort alle Brücken zu seiner Familie abbrechen und in Opposition zu ihr treten, ist kühn und entbehrt jeder Grundlage. Warum sollten sie? Wie bei damaligen Ernennungen und Beförderungen üblich, brauchte es dafür Fürsprecher und persönliche Macht und Reichtum, die aus der Familienzugehörigkeit resultierten. Das war und blieb Fakt, auch nach der Weihe. Nein, die Intention des Königs war eine andere. Es ging nicht darum, den weltlichen Adel auszuschließen und soweit wie möglich zu isolieren, sondern ihn zu beteiligen, um eben den Führungsansprüchen zu genügen und somit den innenpolitischen Frieden herzustellen. „Da gegen den Hochadel als solchen nicht regiert werden konnte, war auch für ein bewußtes `Gegengewicht` zu ihm kein Platz, sondern es kam darauf an, ihn förderlicherweise an der Hoheit über die Kirche zu beteiligen.“[115] Dies ist m.E. die Hauptintention bei der Politik mit der Reichskirche. Dass es natürlich von Vorteil war, die Kandidaten für Bischofsämter einer Schulung in der Hofkapelle zu unterziehen, liegt auf der Hand, aber für das beschriebene Ziel des inneren Friedens war das nicht in allen Fällen nötig.

Weitere Punkte, die die Gegengewichtsthese weiter zum Einsturz bringen, sind der hin und wieder geleistete Widerstand, den die Kirche dem König entgegenbrachte, wogegen er sich meist nicht wehren konnte, wie z.B. bei der beschriebenen Gründung des Erzbistums Magdeburg, und die Tatsache, dass die Reichskirche im gesamten ottonischen Reich kein homogenes Erscheinungsbild hatte. Das letztere lässt sich sowohl am Einfluss verschiedener Bistümer als auch an der verschieden starken Ausstattungen mit Grafschaften erkennen, die der König ja hätte bewusst gleichmäßig verteilen können. Zu dem Verhalten der Bischöfe muss noch ergänzt werden, dass auch königstreue natürlich in erster Linie ihrer Diözese verantwortlich waren und sich dort zuerst engagierten. Des Weiteren kommt hinzu, dass es auch unter dem Klerus Personen gab, die mit der Zeit Gefallen an Macht und Reichtum fanden und sich mehr sich selbst als dem König verpflichtet fühlten.

Wie wichtig das Servitium regis der Reichskirche nun wirklich war, kann nicht abschließend beurteilt werden. Gerade bei den kirchlichen Truppenkontingenten geht die Meinung der Historiker auseinander. Ebenso gilt dies für die Verpflegung und Beherbergung des Hofes. Als sicher kann aber angesehen werden, dass diese und andere Dienste eine nützliche Begleiterscheinung waren, aber nicht die Hauptabsicht der Politik.

Bei einem Blick auf die Bischofswahlen wird klar, dass die Macht des Königs zwar sehr weit reichte, dass er aber trotzdem nicht wider aller Gegebenheiten handeln konnte. Wenn ein Kapitel seinen gewünschten Kandidaten mit aller Entschiedenheit ablehnte, musste er sich sein Verhalten doch sehr überlegen und die Konsequenzen abwägen. Eindrucksvoll demonstriert wird dies in der Literatur für die Fälle, in denen er einen fremden Bischof, trotz Widerstands in der Diözese, einsetzte. Nicht selten musste er diesen Bischöfen militärisch zu Hilfe kommen, was natürlich nicht im Sinne des Servitium regis war. Man kann sich vorstellen, welchen Einfluss so ein Bischof noch in seiner Diözese hatte und dass der König dann wohl schon eher einen regionalen Geistlichen bestätigte, auch wenn dieser nicht aus seiner Hofkapelle stammte. Hier trifft aber dasselbe zu, was schon oben erwähnt wurde. Es kann genauso wenig von einem gegebenen Antagonismus zwischen Klerus und Adel wie zwischen Klerus und König ausgegangen werden. Nicht jeder Adliger war potentieller Feind und potentielle Bedrohung für den König. Deswegen mussten auch Reichsbischöfe, die nicht aus der Hofkapelle stammten, nicht gleich gegen den König handeln.

Auch wenn die Annahme, die Reichskirche sei ein Gegengewicht zum Hochadel gewesen, nicht mehr zu halten ist, hatte das Episkopat, wie gesehen, fundamentale Aufgaben im Reich und lässt sich aus dieser Zeit nicht wegdenken. Auf die sakrale Funktion wurde zwar nur am Rande eingegangen, es ist aber hoffentlich klar geworden, dass sie eine Stütze des Reiches darstellte, ohne die es so nicht hätte existieren können.

Auf wenige Sätze reduziert lässt sich also sagen, dass die ottonische Reichskirche weder der treue Beamtenapparat des Königs war, wie in früheren Geschichtsdarstellungen immer behauptet wurde, noch kann sie als völlig unabhängig angesehen werden. Sie war in die Verfassung und Gesellschaft des Reiches nicht entfernbar eingeflochten und beinhaltete vielfältige Funktionen, die Otto I. für die Schaffung des inneren Friedens im 10. Jahrhundert nutzte.

Thailand Webkataloge