König Otto der Große

König Otto I. der Große und seine Politik mit der Reichskirche

von Björn Böhling

2.1. Das Ende des Reiches der Karolinger und die Gründung neuer Königreiche im 9. Jh.

Die karolingischen Herrscher, besonders Karl der Große, hatten das fränkische Reich[7] und ehemalige Reich der Merowinger im Herzen Europas im 8. Jh. n.Chr. stark erweitert. Das entstandene Staatengefüge, das karolingische Reich, bestand im Großen und Ganzen aus einem fränkischen Kern und darum herumliegenden Randgebieten, zu denen u.a. auch Sachsen gehörte.[8] Die Macht lag in erster Linie bei der königlichen Dynastie, der Zentralgewalt, die auf Reichtum, militärischer und polizeilicher Gewalt, auf der Kirche und anderen Faktoren beruhte. Sie stand in ständigem Konflikt mit zentrifugalen Kräften.

So entwickelten sich östlich des Rheins, in etwa dem Gebiet des späteren deutschen Reiches, vier Herzogtümer „auf unverkennbarer Volksgrundlage (Stammesherzogtümer)“[9]. Diese Stammesherzogtümer bildeten immer eine mehr oder weniger starke Opposition zu den Monarchen, die das Land weder geistig einen noch eine gemeinsame kulturelle Identität schaffen konnten. Wenn man das ganze Reich betrachtet, darf wohl nur die karolingische Verwaltung, sowie die Kirche als für alle Reichsteile gleichbedeutende Institutionen gesehen werden. So entdeckt Dhondt ein großes Problem des Karolingerreiches darin, dass nur durch erheblichen militärischen Aufwand die Einheit des Reiches nach außen gewahrt werden konnte, während im Inneren längst Spaltungen nach den Volkszugehörigkeiten stattfanden. Diejenigen, deren Aufgabe es gewesen war, gegen diese Tendenzen anzugehen, die adligen Familien, hatten längst erkannt, dass für sie eine Stärkung des regionalen Adels und eine Schwächung der monarchischen Zentralgewalt von Vorteil waren. „Die Aristokratie war grundsätzlich gegen die Herrschaft eines Monarchen und strebte vielmehr nach der Errichtung einer aristokratischen Republik.“[10]

Machtausbau, Drang nach Reichtum u.a. waren die persönlichen Motive des Hochadels. Natürlich reagierten die Monarchen auf die Bestrebungen der Grafen, z.B. durch das karolingische Verwaltungsnetz, die Anbindung von Adligen im Status eines Vasallen und der Verfügung über königlichen Landbesitz, doch dieser Konflikt um die Macht ist das eigentliche Problem der Zeit, das erst mit den sächsischen Königen, worauf wir noch zu sprechen kommen werden, gelöst wurde.

Der Zusammenhalt des Reiches hing in erster Linie mit der Stärke der Zentralgewalt, also des herrschenden Monarchen, zusammen. Bis zu dessen Schwächung konnte auch ein Bündnis der Großen nichts wirklich Tragfähiges ausrichten. Doch schon zu Beginn des 9. Jh. konnte bei Ludwig d. Frommen, dem Sohn und Nachfolger Karls d. Großen, der am 28.1.814 verstarb, ein Rückgang an Macht verzeichnet werden.[11] Die anfänglichen Erfolge Ludwigs d. Frommen, die Reformgesetzgebung für geistliche und weltliche Bereiche, die Reform der Kanonikerregel und schließlich die Durchsetzung seiner Erbfolgeregelung auf dem Aachener Reichstag von 817 mit der Ordinatio Imperii, wonach der älteste Sohn Kaisertum und fränkisches Kernreich mit der Oberherrschaft über die jüngeren Brüder erhalten sollte, setzen sich nicht fort.[12] Für die folgenden Jahre nach Karl d. Großen schreibt Jan Dhondt:

„In der Zeit nach dem Tode ... konnte der Träger der Krone den Grafenfamilien keine gleichwertige Macht mehr entgegensetzen ... in Frankreich war der Herrscher zum Bittsteller geworden ... Von wirklicher Treue zur Krone war keine Rede mehr. Die Großen wählten den Herrscher nur noch in zynischer Wahrnehmung ihrer materiellen Interessen, und der König war schließlich nicht einmal mehr mächtig genug, einen offensichtlichen Verrat zu verhindern oder zu unterdrücken.“[13]

Die Dynastie hatte nicht einmal für die Sicherheit der Grenzen sorgen können. Fremde Völker (Normannen, Ungarn, Araber) gefährdeten weiterhin die grenznahen Gebiete,[14] deshalb übernahmen jetzt auch dort regionale Adlige die Verteidigung, da der Monarch mittlerweile dazu überhaupt nicht mehr in der Lage war.

Der Kaiser, der durch mehrere Staatskrisen dem Karolingerreich jedes Prestige genommen und es weiter geschwächt hatte, hinterließ drei Söhne, die sich unerbittlich bekämpften und immer mehr Krongüter an Verbündete verteilten.[15] Die Einigung[16] (Vertrag von Verdun 843) schließlich erbrachte die Aufteilung des Reiches nach dem fränkischen Erbfolgeprinzip in drei Teile. Karl d. Kahle erhielt den Westen, Ludwig d. Deutsche den Osten und Lothar I. den Kaisertitel und ein Gebiet von Friesland bis zur Grenze des päpstlichen Roms,[17] das die Reiche der beiden anderen Brüder teilte.[18]

Im Folgenden kam es immer wieder zu militärischen Auseinandersetzungen zwischen Karl d. Kahlen und Ludwig d. Deutschen, bzw. nach seinem Tod mit dem Sohn und ostfränkischen König Ludwig d. Jüngeren. Allerdings verstarben die Nachkommen Karls d. Kahlen ebenso schnell, wie die Söhne Ludwig d. Deutschen. Nur dessen jüngster Sohn Karl III. (der Dicke) blieb übrig und beherrschte schließlich noch einmal das gesamte Karolingerreich.[19] Allerdings kann von Beherrschen eigentlich nicht mehr gesprochen werden, denn zu diesem Zeitpunkt war die Dynastie gänzlich machtlos geworden, und das Reich praktisch in den Händen des Adels.

„So ist durch [das] ... Regiment [Karls III.] ... der Gedanke der Reichseinheit nicht mehr gestärkt, sondern noch mehr als zuvor erschüttert worden. Seine Unfähigkeit hat im Grunde den sprengenden Kräften zum vollen Durchbruch verholfen“, schreibt Fleckenstein zu den letzten Tagen des Karolingerreiches.[20] Karl d. Dicke wurde 887 in Deutschland abgesetzt und auch 888 in Frankreich vom Thron gestoßen, wodurch die Dynastie der Karolinger endete und das Reich Karls d. Großen in neue Königreiche zerbrach.[21]

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[7] Seit dem 6. Jahrhundert hatten die Franken zwar ihre Herrschaft auf das ehemalige Gallien und einen großen Teil Germaniens ausgebreitet, aber immer wieder musste ihr Führungsanspruch gegenüber nichtfränkischen Völkerschaften innerhalb des Reiches (zumal mit wachsender Expansion auch immer mehr dazugehörten) verteidigt werden.

[8] Siehe die Karte des karolingischen Reiches in Anlage I im Anhang.

[9] Dhondt 1968, S. 51. Siehe dazu auch Fleckenstein 1988, S. 130ff.

[10] Zitiert nach Dhondt 1968, S. 53. Die Gesellschaft des karolingischen Reiches beruhte auf ca. 200-300 Grafenfamilien mit enormem Landbesitz. Durch die Vereinigung dieser Großen hatten die Karolinger erst die Macht erhalten.

[11] Zur Verdeutlichung der karolingischen Herrscherfolge siehe Anlage II im Anhang.

[12] Vgl. Schneider 1982, S. 37ff.

[13] Dhondt 1968, S. 35. Allerdings war Ludwig der Fromme, und später seine Söhne, an diesem Gang der Geschichte nicht unschuldig. Während die vorherigen Kaiser den königlichen Landbesitz, auf dem ihre Macht beruhte, als Lehen vergaben und es somit trotzdem Besitz der Krone blieb, übergab dieser den Besitz zu vollem Eigentum an den Adel. So wurde auf der einen Seite die Krone ärmer, abhängiger und unbedeutender, während Status und Einfluss der Aristokratie beständig anwuchsen, bis der königliche Besitz nicht mehr existierte. Die Fragen, warum jetzt überhaupt noch ein König vonnöten war, und wodurch er seinen Machtanspruch noch legitimierte, ließen sich schließlich nicht mehr für ihn positiv beantworten. Der Kaiser hatte sich dadurch selbst seine Handlungsmöglichkeiten beschnitten und sich zu einem zahnlosen Tiger gemacht.

[14] Zu diesen Völkern siehe Fried 1991, S. 48ff.

[15] Der Kaiser hatte, um die Einheit des Reiches zu sichern und wegen des steigenden innenpolitisches Drucks, ein Gesetz erlassen, nach dem das Reich nun doch unter seinen drei Söhnen aufgeteilt werden sollte. Als ihm aus seiner zweiten Ehe ein weiterer Sohn geschenkt wurde, beschloss er, ihn ebenfalls an der Aufteilung zu beteiligen. Er verstieß also gegen sein eigenes Reichsgesetz. Dies löste nicht nur Empörung unter den Söhnen aus, sondern Ludwig der Fromme wurde auch unter tiefster Demütigung von ihnen gezwungen, die Regierung an den um 817 zum Mitkaiser ernannten Lothar abzugeben. Vgl. u.a. Fleckenstein 1988, S. 124f, Dhondt 1968, S. 76. Er wurde zwar „834 wieder als Kaiser restituiert ... [doch dieser] Akt ... [konnte] die Erschütterung kaiserlicher Autorität nicht entfernt wettmachen“. Schneider 1982, S.39.

[16] Fleckenstein beschreibt das Zustandekommen des Vertrages, wodurch die entstandene Macht des Adels genau zu erkennen ist. „Die Brüderkämpfe endeten schließlich nicht durch den Schlachtensieg einer der beiden Parteien [Anmerk. d. Verf.: Hiermit sind Ludwig der Deutsche und Karl der Kahle gemeint, die sich 842 erneut gegen Lothar I. zusammengeschlossen hatten], sondern durch die Einschaltung der Großen, die des ewigen Kampfes müde waren: durch ihre Vermittlung und unter ihrem Druck kam ... der Vertrag ... zustande.“ (Fleckenstein 1988, S. 125.)

[17] Als Lothars Sohn Ludwig II. verstarb, fiel die Kaiserwürde nach einem Wettlauf Karl d. Kahlen zu.

[18] Siehe zu dieser Teilung die Karte in Anlage III im Anhang.

[19] Da Karl d. Kahle nur einen minderjährigen Enkel hinterlassen hatte, griff der westfränkische Adel nun auch auf den ostfränkischen König Karl III. zurück, der als letzter Nachfahre der karolingischen Dynastie übriggeblieben war, d.h. als letzter legitimer Nachfolger, denn der letzte Karolinger, Arnulf von Kärnten, ein außerehelicher Enkel Ludwigs d. Deutschen, herrschte nach dem Zerfall des Reiches noch über Ostfranken. Weil sich das Kaisertum Ludwigs II. (einer der Nachkommen Lothars I.) praktisch auf Italien beschränkte, war das ehemalige Karolingerreich nördlich der Alpen nur noch zwischen Ludwig d. Deutschen. und Karl d. Kahlen aufgeteilt gewesen. Deswegen beherrschte Karl III. am Ende noch einmal das gesamte Frankenreich nördlich der Alpen und schließlich mit der Kaiserkrone sogar das ganze Reich.

[20] Fleckenstein 1988, S. 128.

[21] Westfranken, Ostfranken, Hoch- und Niederburgund und Italien. Um den Bogen zum Deutschen Reich Ottos I. zu spannen, wird sich die folgende Darstellung hauptsächlich mit Ostfranken befassen.
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