König Otto der Große

König Otto I. der Große und seine Politik mit der Reichskirche

von Björn Böhling

2.2. Die Bildung von Stammesherzogtümern

Auf dem Gebiet des ostfränkischen Reiches und des auf dieses Reich begrenzten Kaiserreiches,[22] kam es später als im Westen durch Ausnutzung der Schwäche des Königtums von der Aristokratie zu Bereicherungen und Gründungen von Stammesherzogtümern.[23] Sie hatten ihren Ursprung entweder in den schon vorher existierenden Stämmen oder in bisherigen Verwaltungseinheiten oder Grafschaften, die nun ein Adliger zusammenfasste. Die in diesen Gebieten lebenden Geschlechter kämpften oft erbittert um die Macht, was entweder zur Reduzierung auf nur ein führendes[24] oder zur Zerstückelung eines Gebietes in mehrere Fürstentümer führte.

Stammesherzogtümer auf deutschem Gebiet waren Sachsen, Franken, Schwaben, das sich allerdings erst später ausprägte, und Bayern. Sie erkannten zwar die Oberhoheit eines Monarchen formell an, aber auf sie besaß der König praktisch keinerlei Zugriffsrechte. Königsrechte, Kronvasallen, die Domänen des Staatsgebietes, Grafen (wenn es sie noch gab), der Besitz von Abteien, oft auch das Recht zur Ernennung der Bischöfe standen jetzt den Territorialfürsten zur Verfügung.

An dieser Stelle muss kurz auf das Königtum eingegangen werden. Wie oben beschrieben, bestand die Monarchie fort, und nach der Absetzung Karls d. Dicken 887 wählten die Großen einen König aus ihrer Mitte (Herzog Arnulf von Kärnten) und waren nach dessen Tod damit einverstanden, dass dessen Sohn (Ludwig d. Kind) 900 sein Nachfolger wurde. Ludwig d. Kind war bei der Thronbesteigung erst sechs Jahre alt, und dies zeigt, wie die Fürsten die Position des Königs einschätzten und was sie von ihm verlangten. Er sollte in erster Linie den Zusammenhalt des Reiches demonstrieren, aber ja nicht in „innenpolitische“ Angelegenheiten der Fürstentümer eingreifen, wovon bei einem 6-jährigem König wohl gefahrlos auszugehen war. Auch die hier praktizierte Wahl des Königs hatte an sich schon einen schwachen Monarchen zur Folge, denn warum sollten die regionalen Herrscher von sich aus ihre Macht wieder aus den Händen geben, wo sie doch schon selbst kleine Könige waren? Offensichtlich war das höchste Amt des Reiches trotzdem mit soviel Prestige behaftet, dass es immer wieder einige anstrebten,[25] obwohl die politische Macht gering und dafür die Abhängigkeit von der Aristokratie sehr groß war.

Die heftigen Angriffe der Ungarn von Osten her um 911 zeigten die Nachteile dieser Form des Regierens auf. Jedes Gebiet versuchte eigene, unkoordinierte Abwehrmaßnahmen zu treffen, die aber keinen sichtbaren Erfolg bewiesen. Dafür stützte es aber paradoxerweise das System der Vielstaaterei, denn weil die Stammesherzogtümer versuchten, allein zu bestehen, grenzten sie sich immer weiter von der Zentralgewalt ab und wurden noch eigenständiger, wodurch die in den regionalen Gebieten hervorgetretenen Persönlichkeiten, die nun die eigentliche Schutzaufgabe des Königs übernahmen, natürlich weiter an Macht gewannen. Diese Stammesherzöge[26] hatten mit dem Königtum nichts mehr gemein, sondern waren völlig unabhängig.

Nach dem Tod Ludwig d. Kindes wählten die deutschen Fürsten den Herzog Konrad I. von Franken zum König.[27] Offenbar sah man in ihm einen besonders schwachen Regenten,[28] was sich aber als Irrtum entpuppte. Er versuchte mit Hilfe der Kirche,[29] die derartige Bestrebungen schon früher unterstützt hatte, die monarchische Gewalt im eigenen Interesse wiederherzustellen und wandte sich gegen die Stammesherzöge, die ihn vorher gewählt hatten. Obwohl er keiner war, „wollte Konrad noch einmal wie ein Karolinger herrschen.“[30] Doch auch im Bündnis mit den geistlichen Großen konnte er sich gegen die Stammesherzogtümer nicht behaupten,[31] da auch die Bischöfe nicht überall gegen die Herzöge opponieren konnten, wenn sie ihre kirchlichen Aufgaben weiter ungehindert vollziehen wollten. Konrad I. scheiterte am Ende an den inneren Kämpfen, bevor er sich überhaupt den dringenden außenpolitischen Fragen (wie z.B. den Ungarn) stellen konnte.[32] Aber der Monarch erkannte die Stärke und den Einfluss der Stammesherzogtümer und bestimmte kurz vor seinem Tod seinen ärgsten Feind, Heinrich I. von Sachsen, zum Nachfolger.[33] Er war der Meinung, nur Heinrich I. habe die Macht, ein festgefügtes deutsches Königreich zu schaffen.

Wie die weitere Geschichte zeigte, lag Konrad I. mit seiner Vermutung nicht sehr falsch und wir nähern uns jetzt dem Reich der Ottonen, da mit Heinrich der erste Grundpfeiler für die sächsische Herrschaft in Deutschland gelegt wurde.[34]

Trotz der geregelten Nachfolge musste zuerst Heinrich I. große Hürden überwinden. Während sich die Sachsen und Franken seiner Herrschaft fügten, erkannten ihn die Schwaben nicht an und die Bayern wählten gar einen Gegenkönig. Erst nach zwei Jahren hatte er beide Herzogtümer unterworfen und wandte sich jetzt den Grenzproblemen und Ungarnvorstößen zu.[35] Um für die Festigung der östlichen Reichsgrenze sorgen zu können, handelte er 927, allerdings unter drückenden Tributzahlungen, einen Waffenstillstand aus und reorganisierte die Reichsverteidigung.[36] Dadurch konnte er den Ungarn 933 eine empfindliche Niederlage beibringen, die die deutsche Grenze für seine gesamte Regierungszeit sicherte und zu einer Stärkung des Königsgedankens beitrug.[37] Durch die Eroberung und Anbindung von Volksstämmen jenseits der Reichsgrenze konnte zudem eine Pufferzone von Verbündeten geschaffen werden, die den ersten Ansturm feindlicher Stämme auffing und abbremste. Diese Taktik soll als defensive Reichsverteidigung bezeichnet werden.

Als Heinrich I. 936 starb, wurde die Nachfolge in seinem Sinne geregelt und sein Sohn Otto, mancher Große hätte lieber seinen älteren Stiefbruder auf dem Thron gesehen, in Aachen, der Residenzstadt Karls d. Großen, von allen Stammesherzögen zum König gewählt.[38] Er griff dann auch nach den anderen Stammesherzogtümern Bayern, Franken und Schwaben, indem er die dortigen Stammesherzöge vollständig der Zentralgewalt unterwarf, die er als König ausübte.

Innenpolitisch hatte die Regierung Heinrichs I. eine weitere, sehr bemerkenswerte Folge. Die Stammesherzöge wurden in der Hierarchie nach dem König die nächsten Teilhaber der Reichsgewalt. Die Grafen, die diese Aufgabe bei den Karolingern als Amtsträger innehatten, wurden so ins dritte Glied zurückgeschoben und gleichzeitig den Herzögen unterstellt. Da die Herzöge aber als Vasallen an den König gebunden waren, galt dies natürlich jetzt auch für die ihnen unterstellten Adligen. Um schließlich auch noch die Kirche an die Monarchie zu binden, begann Heinrich I. die Bischöfe an den Hof zu ziehen und die königliche Kirchherrschaft, soweit es möglich war, wieder zur Geltung zu bringen.[39] Diese Ansätze führte sein Sohn Otto I. fort und baute sie aus.

Als äußerst wichtig muss noch erwähnt werden, dass Heinrich I. die königliche Nachfolge gesetzlich regelte, indem er 929 in seiner sogenannten Hausordnung die Unteilbarkeit des Reiches festschrieb. So konnte sein zweitgeborener Sohn Otto mit Zustimmung der Großen zum König bestimmt werden, während seine Brüder mit Herzogtümer abgefunden wurden. Dieses Prinzip der Nachfolgeregelung stellte einen großen Teil des Übergangs vom karolingischen zum deutschen Reich dar, in dem das Erbteilungsprinzip vorgeherrscht hatte.[40]

Dem König ist es „tatsächlich gelungen, den allgemeinen Niedergang aufzuhalten und einen neuen Aufstieg des Reiches zu erzwingen.“[41]

Nachdem wir uns einen Überblick über die Entstehung des ostfränkisch-deutschen Reiches verschafft haben, soll jetzt Otto d. Große (geboren 912) und seine Politik im Mittelpunkt stehen.

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[22] Arnulf von Kärnten wurde die Kaiserkrone von den anderen europäischen Königen zwar zugebilligt, doch konnte natürlich nicht mehr von einem Imperium nach karolingischem Vorbild gesprochen werden. Für diese Ausführungen reicht die Feststellung, dass das „Imperium“ nun lediglich auf Ostfranken beschränkt war und in den anderen Gebieten Europas die Könige selbstständig herrschten.

[23] Vgl. Fleckenstein 1970, S. 218f.

[24] Wie z.B. die Kämpfe zwischen den Konradinern und den Babenbergern in Franken, bei denen sich die Konradiner nach der blutigen Fehde durchsetzten. Außerdem errangen die Liudolfinger in Sachsen und die Luitpoldinger in Bayern die Macht.

[25] Hiermit ist natürlich nicht Ludwig d. Kind gemeint.

[26] Zum Begriff Stammesherzog und seiner Geschichte schon bei den Karolingern siehe Fleckenstein 1988, S. 130ff.

[27] Bis auf Lothringen, das sich dem westfränkischen Reich anschloss, hielten also alle neuen Herzogtümer an der Reichseinheit fest, was auf ein bestehendes Zusammengehörigkeitsgefühl schließen lässt, da ja die Chance zur absoluten Selbständigkeit nie größer als zu diesem Augenblick gewesen war und weil jetzt sogar ein König aus einer außerkarolingischen Dynastie gewählt wurde.

[28] Während Dhondt in etwa zu dem gleichen Schluss kommt, sieht Fleckenstein den Grund für die Wahl darin, dass der fränkische Stamm in einem besonders engen Zusammenhang mit dem Regnum Francorum stehe. Vgl. Fleckenstein 1988, S. 133 und Dhondt 1968, S. 90f. Beide Folgerungen sind logisch und werden deshalb nicht weiter diskutiert.

[29] Unterstützt wurde er eindringlich von Erzbischof Hatto von Mainz und Kanzler und Bischof Salomo von Konstanz. Dies sei hier nur erwähnt, um schon die Bedeutung der Kirche für die spätere Betrachtung im Auge zu haben.

[30] Fleckenstein 1970, S. 221.

[31] Vgl. u.a. Hausberger 1993, S. 5.

[32] Zu den Versuchen, Lothringen wiederzugewinnen und zu den unvermindert scharfen Ungarneinfällen siehe Fleckenstein 1970, S. 221, 228f.

[33] Zum Verhältnis von Konrad I. und Heinrich I. siehe Fleckenstein 1970, S. 222.

[34] Für eine grobe Überblicksdarstellung der sächsischen Herrscherfamilie siehe Gladen 2001.

[35] Bezeichnend für diesen neuen König und wahrscheinlich auch für den Erfolg seiner Politik war, dass er nicht versuchte, die Stammesherzöge zu enteignen. Er erkannte ihre Macht an und forderte lediglich Huldigung und Vasalleneid.

[36] Das waren Städtegründungen oder Befestigungen bestehender Wohnzentren durch Wälle und Gräben. Durch die Verlegung von Verwaltung und anderen staatlichen Institutionen besiedelte Heinrich I. die Gegenden und verlegte Berufskrieger und andere Einheiten dorthin. Von offensiver Natur war die Entwicklung einer gepanzerten Kavallerie, die schon in Kämpfen mit den Slawen Erfahrung sammelte. Siehe auch Fleckenstein 1970, S. 230f.

[37] Vgl. Hausberger 1993, S. 8.

[38] In der Literatur wird einheitlich erwähnt, dass diese Krönung schon eine Andeutung für spätere Ambitionen auf den Kaisertitel und somit die Nachfolge Karls d. Großen hatte. Vgl. Dhondt 1968, S. 93 und Fleckenstein 1970, S. 235. Zur Krönung selbst siehe die Beschreibung nach Widukind von Korvey in Fleckenstein 1988, S. 141ff.

[39] Vgl. Fleckenstein 1970, S. 227. Dass Heinrich I. die angebotene Salbung des Erzbischofs von Mainz bei seiner Inthronisation ablehnte, wird heute nicht mehr als Makel gesehen. Sie stellte in Ostfranken keinen traditionellen Ritus da. Außerdem wollte der König zum Ausdruck bringen, dass er die gegen die Stammesherzöge gerichtete Politik seiner Vorgänger mit der Kirche nicht weiterführen würde. Dass er nur gegen die bisherige Politik, nicht aber gegen die Kirche als Machtmittel war, bezeugt erstens die Einsetzung des verschmähten Bischofs von Mainz als Erzkapellan und zweitens, wie eben angedeutet, seine Kirchenpolitik.

[40] Wie auch in den meisten anderen europäischen Monarchien.

[41] Fleckenstein 1970, S. 226.
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