König Otto der Große

König Otto I. der Große und seine Politik mit der Reichskirche

von Björn Böhling

3.2. Bedeutung und Begriff der Reichskirche

Bevor wir uns nun der Politik gegenüber der Reichskirche zuwenden, ist es unerlässlich, zuerst den Begriff zu deuten und zu fragen, welche Institutionen und Gebiete die ottonische Reichskirche im frühen Mittelalter überhaupt umfasste.[50]

Die Synonyme National- oder Staatskirche treffen hier nicht genau zu und sind nicht durch die Quellen belegt. Zwar wird von ecclesia regni, imperii oder imperialis gesprochen, doch in erster Linie besteht eine Reichskirche dann, wenn sie in das Recht des Reiches (in ius regni) aufgenommen ist.[51] Hier sind nur die Kirchen gemeint, die groß, bedeutend und reich genug waren, aufgenommen zu werden. Andere Kirchen, obwohl sie sich im Herrschaftsbereich des Königs befanden, gehörten nicht dazu. Reichskirchen waren also nur omnes ecclesiae Romani imperii. Eine Nationalkirche wäre lediglich der Verbund aller Kirchen. Natürlich gab es auch Verbindungen der übrigen, kleineren Kirchen zu den Reichskirchen, weil oft Abhängigkeiten existierten. Aber deshalb gehörten sie noch nicht zur ottonisch-salischen Reichskirche.

Das bisher Gesagte gilt so auch schon für die Zeit vor Otto I. und ist im Kern auch nicht auf das ostfränkisch-deutsche Reich beschränkt, sondern kann in allen fränkischen Nachfolgestaaten, allerdings nur in ähnlicher Weise, gefunden werden.[52] Die Tatsache aber, dass es nur in Deutschland zu einer Deckung von Kirche und Reich kam, da alle Bistümer rechtlich mit dem Reich verbunden waren, machte die Sonderstellung aus, die durch Otto I. noch mit Hilfe seines Bruders Brun ausgebaut wurde.[53]

Nach diesen kurzen Erläuterungen können wir zum Ausbau der Reichskirche übergehen und uns die Rolle des Königs und des Klerus anschauen.

[50] Zum Thema Reichskirche siehe auch Fleckenstein 1974. In aller Kürze gibt Fleckenstein hier einführende Informationen zur Organisation der Reichskirche und geht auf den, heute allerdings schon weiter zurückliegenden, aktuellen Forschungsstand ein.

[51] Vgl. Fleckenstein 1988, S. 148.

[52] Unterschiede zu z.B. Frankreich lagen darin, dass auf deutschem Gebiet von der Reichskirche (ecclesia regni, imperii) und auf französischem von der Königskirche (ecclesia regis, regalis) gesprochen wurde. Auch bezog sich die deutsche Reichskirche auf alle bedeutenden Bistümer, Erzbistümer, Stifte und Klöster, während die französische Königskirche nur ca. 1/5 der Bistümer umschloss. Der Rest unterstand direkt den Vasallen des Königs (teilweise sogar in Eigenbistümern) und war somit vom Herrscher entfremdet.

[53] Zur Person von Erzbischof Brun von Köln siehe u.a. Weitlauff 1993, S. 38ff.
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