König Otto der Große

König Otto I. der Große und seine Politik mit der Reichskirche

von Björn Böhling

3.3.1. Die Ausstattung mit Reichsgütern und Hoheitsrechten durch Otto I. und das Servitium regis von Bistümern und Abteien (I)

Bevor wir gleich konkret auf die Änderungen eingehen, müssen wir uns vergegenwärtigen, dass die Oberherrschaft über die Kirche an sich nichts Neues darstellte. Diese Funktion gab es schon bei den Karolingern[54] wie auch bei Heinrich I., der schon versucht hatte, die Kirche enger an den Hof zu binden.[55] Fleckenstein weist darauf hin, dass Otto noch über das Traditionelle hinausging, wenn er sagt: Otto

„hat sich nicht nur mit der Reichskirche ‚verbündet’, sondern er hat sie planmäßig so ausgebaut, dass sie gegenüber dem Stammesherzogtum ein wirksames Gegengewicht darstellte und gleichzeitig die Grundlagen der Königsgewalt erweiterte.“[56]

Woran war nun dieser Ausbau zu erkennen? In erster Linie war es nötig, Kirchen, Klöster und Bistümer mit Gütern auszustatten, die sie finanziell und militärisch handlungsfähig machten.[57] Das waren meist Schenkungen (Grundbesitz oder auch weltliche, hoheitliche Rechte), die in kirchliche Verwaltung übergingen, d.h. Reichseigentum blieb weiterhin Reichseigentum, blieb also weiter unter der Kontrolle des Königs, und wurde der Reichskirche zur Bewirtschaftung zur Verfügung gestellt.[58] Dieses Lehns- und Vasallenprinzip hatte aber im Gegensatz zur karolingischen Zeit den entscheidenden Vorteil, dass nur noch ein Lehnsherr existierte. Es kam so nicht zu einer Hierarchie von Vasallenverhältnissen, die unweigerlich zum Konflikt führen mussten.[59]

Zu Beginn seiner Politik war ein „entscheidender Schritt ... darin zu erblicken, daß Otto I. mehreren Bischöfen die Grafenrechte in ihrer Residenz und in dem von dieser abhängigen Gebiet verlieh.“[60] Schon vorher besaß die Kirche das Recht der Immunität, d.h. die Freistellung von der Kontrolle durch staatliche Beamte und die Anerkennung ihres Herrschaftsbereiches als weitgehend selbständige Bezirke. Nun wurde dieses Recht auch auf die neuen Gebiete der Bischöfe ausgedehnt und somit ihre Macht erweitert. Auch Königsrechte (Regalien), wie das Münz-, Forst- und Zollrecht, gingen in kirchlichen Besitz über.

Durch die neuen Rechte kam es zwangsweise zu einer Solidarisierung mit dem König, da sich die enteigneten Herzöge, Grafenfamilien und die großen Grundherren dem natürlich zu widersetzen versuchten. So erwehrten sich die Bischöfe auch aus eigenem Interesse, wie beabsichtigt, der Gegner des Königs.

Natürlich erwartete Otto I. auch Gegenleistungen von der Kirche, das sogenannte Servitium regis. Es beinhaltete die Versorgung des Königshofes mit Naturalien (Fleisch, Butter, Käse, Eier usw.) und außerdem die Pflicht der Beherbergung des Königs und seines Hofes auf Reisen. Otto I. verweilte nicht nur in den weiter bestehenden wichtigen Pfalzen, sondern eben auch in Bischofskirchen und Reichsklöstern, die auf seinem Weg lagen. Des Weiteren gab es die Pflicht regelmäßiger Geschenke und Abgaben, politischer Beratung und religiöser Unterstützung. So wurde das Reichskirchengut für den König als Quelle erschlossen, aus der er sich zusätzlich zum Reichsgut bedienen konnte. Ein wichtiger Punkt ist die Stellung von Truppenkontingenten für das königliche Reichsheer.[61] Die Kirche wurde in einem hohen Maß

„für den Reichsdienst herangezogen ... Sie war es, die in der Zeit der Ottonen und Salier die Hauptlast der Feldzüge des Königs getragen hat ... die Bistümer und Reichsklöster [lohnten] dem König, daß er sie durch seine Schenkungen von Königsgut und herrschaftlichen Rechten stark gemacht hatte, indem sie die Hauptlast des königlichen Aufgebotes übernahmen. “[62]

Zwei Gründe sprachen u.a. für die Reichskirche als Empfängerin: Erstens konnten die Geistlichen das Königsgut nicht in den eigenen Reihen vererben (Zölibat), was in anderen Fällen zu einer Entfremdung und einem im heutigen Sinne auf Gewohnheitsrechten basierenden Anspruch geführt hatte; zweitens konnte der König Einfluss auf die Wahl der Geistlichen ausüben und sich so zusätzlich versichern, dass seine Güter auch wirklich in seinem Sinne verwaltet wurden.

[54] Vgl. Schneider 1982, S. 35.

[55] Axel Voigt datiert die Anfänge sogar zurück auf die römisch-christlichen Könige des „imperium romanum“ (vgl. Voigt 2000, S. 85).

[56] Fleckenstein 1988, S. 146.

[57] Nach Manfred Weitlauff begann Ottos Bistumspolitik ca. 953/54 (vgl. Weitlauff 1993, S. 37f).

[58] Also nach dem alten Lehnsprinzip. Der König machte nicht den gleichen Fehler, wie die Söhne Ludwigs d. Frommen und verschenkte seine Macht.

[59] Vgl. Dhondt 1968, S. 199.

[60] Dhondt 1968, S. 200. Das waren der Bischof von Speyer und die Erzbischöfe von Magdeburg, Mainz, Chur und Köln.

[61] Fleckenstein beschreibt ein Beispiel militärischer Unterstützung, die Otto II. 982 bei Cotrone zu Teil wurde. Von den 2.000 Panzerreitern stellten Bischöfe und Äbte zusammen 1510 und die weltlichen Großen nur 534. (Vgl. Fleckenstein 1988, S. 152) Axel Voigt liefert eine Abbildung, die die Zahlen Fleckensteins ausdrücken, verzichtet aber leider auf Quellenangaben (vgl. Voigt 2000, S. 88).

[62] Fleckenstein 1988, S. 153. Ganz nebenbei gesagt, sieht man hier schon den Übergang von Bürgerheer zum berittenen Lehnsheer. 946 trat das Volksheer im Kampf gegen Frankreich zu letzt in Aktion, während in der Folgezeit Feldzüge von weltlichen oder kirchlichen Adligen organisiert und mit Rittern durchgeführt wurden.
Thailand Webkataloge