König Otto der Große

König Otto I. der Große und seine Politik mit der Reichskirche

von Björn Böhling

3.3.2. Bischöfe, Bischofswahlen und die Hofkapelle (I)

Das Recht der Einflussnahme des Königs auf Bischofs- oder Abtswahlen existierte auch schon vor Otto I.[63] Von der Frühzeit an wurden Bischöfe durch Klerus und Volk für ein freie Kirche gewählt, „wodurch sich der Wille Gottes kundtue.“[64] Wichtig war aber auch die Zustimmung der Bischöfe derselben Provinz zum Wahlergebnis, deren Bedeutung sich aber mit der Zeit verminderte und schließlich im 6./7. Jh. ganz erlosch. In der Folgezeit lagen Wahl- und Weihehandlung in der Obhut der Metropoliten. Da aber auch diese Zuständigkeit verkümmerte, konnte der König in frühfränkischer Zeit die Zustimmung zum Wahlergebnis an sich ziehen. Die Zustimmung des Königs wurde als ausschlaggebend empfunden, zumal er den künftigen Bischof in die Verfügungsgewalt über das Vermögen der Bischofskirche einweisen musste, ohne die ein Bischof nicht die volle Jurisdiktion besaß.[65] Schon unter den Merowingern wurde ein Bischof vor der Weihe durch den Herrscher, der faktisch die Auswahl des Kandidaten vorgenommen hatte, bestätigt und dessen Kirche mit Gütern dotiert, um sie funktionsfähig zu machen. Dies galt schon seither als wichtige Aufgabe des Königs. Seit Ludwig d. Frommen standen die Bischofskirchen unter Königsschutz, wodurch die rechtliche Zuständigkeit legitimiert wurde. Neu war hierbei die breitere Rechtsgrundlage, wodurch eine Kirche aus der Amtsgewalt des Grafen ausgegliedert wurde. Allerdings gab es keine Hoheitsrechte, welche die Kirche nicht schon vorher innehatte und Leistungen mussten dem Herrscher auch erbracht werden (Servitium regis).

Der König konnte also entweder einen Kandidaten bestätigen oder nominierte selber einen, den die entsprechende Versammlung dann zu wählen hatte. Dass die Kandidaten, oder überhaupt die Geistlichen, bis auf wenige Ausnahmen natürlich dem Adel entstammten, braucht wahrscheinlich nicht weiter ausgeführt zu werden. Durch die Bestätigung bzw. Nominierung und die Übertragung von Rechten und Besitz sollte das Episkopat an den König gebunden werden und ihm zur Verfügung stehen.

Diese hohe Ziel war allerdings solange nicht zu erreichen, wie es keine geeigneten Bewerber gab. Wie konnte sich der König sicher sein, sein Favorit würde auch nach der Machtübertragung in seinem Sinne handeln? Es bedurfte einer Art Ausbildungsstätte, in der die Kandidaten auf ihre Aufgabe vorbereitet wurden, bevor sie dann geeignete Posten übernahmen. Durch die Mithilfe des Bruders Brun[66] (und vor allem nach seinem Tod 960) wurde die königliche Hofkapelle (capella regis)[67] zu einer Institution ausgebaut, in der Geistliche (in der Nähe des Königs) arbeiteten und die zu einer Vorstufe des Episkopats wurde. Aus ihren Reihen wurden fortan die Männer in die Bistümer gesandt, die untereinander, wie mit dem Königshof in ständiger Verbindung blieben, mit den Reichsgeschäften vertraut waren und durch die völlige Gleichartigkeit ihrer Interessen in der Regel treue und verlässliche Helfer des Königs blieben. „So ging aus der Hofkapelle ein neuer, einheitlicher Episkopat hervor: für König und Reich ein unschätzbarer Gewinn.“[68] Im „Handbuch des Mittelalters“ beschreibt Fleckenstein die Hofkapelle sehr symbolhaft mit „Pflanzstätte des Reichsepiskopats“.[69]

Als Prototyp des neuen ottonischen Reichsbischofs kann Brun, Bruder des Königs, Kanzler und Erzkaplan und schließlich Erzbischof von Köln, gesehen werden.[70] Mit der Übergabe der Verwaltung Lothringens nach dem Aufstand des Herzogs Konrad d. Roten an ihn, hatte der König in dem gefährdeten Gebiet einen politisch wie auch persönlich loyalen Helfer. In Brun vereinigte sich in dieser Form zum ersten Mal die kirchliche Würde (archiepiscopus),[71] als Erzbischof von Köln, mit der weltlichen Macht (dux), als Herzog. Sein Biograph nennt den neuen Begriff für diese Vereinigung „archidux“.[72] In der folgenden Zeit galt es dann als selbstverständlich, dass ein Bischof der Kirche wie zu gleichen Teilen dem Reich, und somit dem König, verpflichtet war.[73]

Hatte Otto I. mit seiner Familienpolitik nur kurzfristig Erfolge gehabt, so war die Neuordnung des Reiches und die Sicherung des königlichen Anspruchs mit Hilfe der Reichskirche nun auch langfristig erfolgreich. Dies lässt sich vor allem an seinen Erfolgen im Osten erkennen, die er auf die Reichskirche gestützt errang.

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[63] Vgl. u.a. Voigt 2000, S. 87.

[64] Engels 1986, S. 54.

[65] Vgl. Engels 1986, S. 55.

[66] Zu seiner Vermittlerrolle zwischen Vater und Sohn beim Liudolaufstand siehe Fleckenstein 1970, S. 244f.

[67] Auf die Hofkapelle als Institution wird hier nicht ausführlich eingegangen. Einen kurzen Überblick liefert Axel Voigt in Voigt 2000, S. 88f sowie einen sehr ausführlichen in Fleckenstein 1966. Zur Bedeutung von Erzbischof Brun von Köln für die Hofkapelle siehe Weitlauff 1993, S. 40ff.

[68] Fleckenstein 1988, S. 147. Außerdem bildete Brun als Erbischof von Köln dort weiterhin Geistliche aus, „die er in der Doppelverpflichtung für Reich und Kirche erzog, um sie zunächst in seinem Wirkungskreis Lothringen auf die Bischofsstühle zu bringen“. (Fleckenstein 1970, S. 246)

[69] Fleckenstein 1970, S. 246.

[70] Bezeichnend für Ottos Politik ist auch, dass er 951 die Erzkapelläne verdrängte und Brun zum Erzkapellan ernannte, der inzwischen zum Erzbischof von Köln (953 - 965) ernannt worden war und der ab 954 sogar alleine der Hofkapelle vorstand. Unter Otto I. gingen insgesamt 14 Bischöfe aus der Hofkapelle hervor (vgl. Voigt 2000, S. 89). Routgers Vita Brunonis ist daher gewissermaßen die Anleitung für die folgenden Reichsbischöfe. Der ottonische Reichsbischof hatte sich danach hingebungsvoll für das Reich und seinen König einzusetzen. Sein Handeln sollte immer auf die Wohlfahrt des Reiches ausgelegt sein. Wir werden diesen normativen Anspruch im Verlauf dieser Hausarbeit verfolgen und am Ende sehen, ob dem wirklich so war.

[71] Spätestens an dieser Stelle ist zu erwähnen, dass im Rahmen dieser Hausarbeit auf die Beschreibung kirchlicher Aufgaben der Bischöfe und ihre Lebensführung, was von den Hagiographen in den Viten deutlich dargestellt wird, nicht eingegangen wird. U.a. stellt sich hier die sehr interessante Frage nicht, ob die übertragenen, weltlichen Herrschaftsfunktionen mit dem Bischofsamt in Einklang standen. Deswegen bleibt hier unkommentiert, dass Routger der Meinung war, Bruno hätte die Pflichten des Bischofsamtes in vorbildlicher Weise mit denen der weltlichen Herrschaft verknüpft (vgl. Vita Brunonis, S. 312f).

[72] Vgl. Fleckenstein 1988, S. 147.

[73] Z.B. Willigis von Mainz, Bernward von Hildesheim, Burchard von Worms, Meinwerk von Paderborn, Ulrich von Augsburg u.a. Nur selten kam es zu religiösen Einwänden gegen die Verquickung von Weltlichkeit und Geistlichkeit im Bischofsamt. Nach Jan Dhondt kam es im 10. Jahrhundert in Ausnahmefällen zu Protesten, weil sich nicht mehr unterscheiden ließ, ob ein neuer Herrscher nun ein Geistlicher mit weltlicher Gewalt oder nur ein mit geistlicher Gewalt bekleideter Adliger war. Im Allgemeinen hatten die Bischöfe von der Institution Reichskirche Vorteile und nutzen sie auch. So genoss Otto I. im Klerus große Anerkennung, die sich noch steigerte, weil er sich schon bald an die Christianisierung der Ostgebiete machte (vgl. Dhondt 1968, S. 202).
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